Der Thuner Gemeinderat hat(te) eine tolle Idee: Nach Festivitäten in der Innenstadt soll der Abfall erst ein, zwei Tage ruhn, bevor er von den städtischen Saubermännern weggeräumt wird. Die Exektutive erhoffte sich mit dieser Massnahme, einen „Lerneffekt“ bei der Bevölkerung „zu erzielen“… sie zu sensibilisieren, damit weniger Abfall achtlos weggeworfen wird.
Nun, auf den ersten Blick hat mir die Idee gut gefallen. Wenn die Thunerinnen und Thuner durch die verdreckte Innenstadt und die überall liegenden Abfallberge waten müssen, wird wohl jeder Bürgerin und jedem Bürger klar: So geht das nicht… Einem zweiten Blick hält die Idee aber nicht stand. Wer ein wenig genauer hinschaut, sieht, wie unausgegoren die Idee ist. Denn überquellende Abfalleimer, zerschlagenes Glas bei Kinderspielplätzen oder leere Essenspackungen auf dem Trottoir… und inmitten dieses von Fliegen und anderem Getiere zersetzten Bildes steht eine Gruppe Touristen, gezeichnet vom Ekelgefühl – und wegen der vielen Schmeissfliegen sicher nicht mit offenem Mund staunend. Glücklicherweise hat der Thuner Stadtrat nicht allzu viel davon gehalten und diese Bärendienst-Idee des Gemeinderates verworfen.
Dreck ist schlecht - nicht nur für die Umwelt, sondern auch für das Image. Man stelle sich mal vor: Da steht vor den Toren einer der schönsten Städte eine der modernsten Kehrichtverbrennungsanlagen, aber die Stadt selbst ist dreckig und schmutzig… Da hätte Johannes Kiderlen Thun den Rücken gekehrt…
Wer das ist? Johannes Kiderlen ist ein sympathischer Deutscher, der vor Jahren „vom Fass“ ins Leben gerufen hat und auch Lizenzen in der Schweiz verteilt. Und just im letzten August – genau an einem solchen Tag, wo der Thuner Gemeinderat als erzieherische Massnahme den Kehricht sicher nicht hätte wegfegen lassen – ist besagter Herr Kiderlen auf Stippvisite nach Thun gekommen. Er war derart von der Stadt und den Menschen begeistert, dass er sofort die Lizenz für ein „vom Fass“-Geschäft gab (übrigens ein wichtiger Beitrag für die Belebung von leeren Geschäftslokalen…).
Ich wage mir nicht mal vorzustellen, wie schnell Herr Kiderlen (wie viele andere Unternehmer wohl auch) auf dem Absatz kehrt machen würde, wenn die Stadt tatsächlich die Abfallerziehung eingeführt hätte…
Verfasst von Martin Hasler